UPdate: 19. Dezember 2018 – Alles wirklich nur eine „Sache zwischen Daumen und Zeigefinger“?


 

Ein Brief an die Jägerschaft in Brande-Hörnerkirchen und Umgebung! Sehr gut geschrieben und wir haben es die letzten 15 Jahre live miterlebt…. LEIDER!!

Ein Schreiben vom April 2018

 

Alles wirklich nur eine „Sache zwischen Daumen und Zeigefinger“? 1

 

Liebe Landwirte,

die erste Maht ist für viele bereits gelaufen, die Silos sind abgedeckt, und wir Revier-Jäger möchten uns bei Euch bedanken. Dafür, dass Ihr Euch vorher bei den Pächtern Eurer Reviere gemeldet habt, damit sie mit ihrer Reviergemeinschaft die Felder abgehen und nach in den Wiesen liegenden Rehkitzen suchen konnten.

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PIC: Philip Ahlsen

Dieser Brief aber richtet sich an die „anderen Bauern“. Die, die ihrer Pflicht dafür zu sorgen, dass die Wiesen vor dem Mähen kontrolliert werden, nicht nachgekommen sind. Denn mitunter laufen die Dinge ein wenig aus dem Ruder ….

Beispiel Brande, Montag, den 9. Mai: „Bauer 1“ wollte eigentlich am Abend anfangen zu mähen, und auch nur drei kleineren Flächen. Irgendeine Wettermeldung aber ließ ihn in Panik geraten. Anruf um acht Uhr früh „Ich hab’ mir überlegt, ich fange jetzt schon an, und mach’ gleich alles!“

„Bauer 2“ rief am späten Nachmittag an: „Wir fangen jetzt gleich an, haben fünf Mäher und machen gleich alles!“ Auf die Frage, wie er sich das jetzt vorstelle, ob wir vielleicht direkt vor dem Mäher herlaufen sollten, kam keine Antwort…

Und schließlich kam noch „Bauer B. aus O.“: „Es ist alles nur eine Sache zwischen Daumen und Zeigefinger“, brachte er seine Einstellung zum Thema Natur (damals ging es um die „schleichende Abholzung“ von Knicks, um noch ein paar Quadratmeter zusätzlich für den Mais- oder Grünlandanbau zu gewinnen) mal auf den Punkt. Ohne irgendeine Ankündigung (und damit der Chance, etwas zu unternehmen) fuhr er gegen 21.30 Uhr – also einer Tageszeit, zu der sich alle Tiere zum Schlafen in die Wiesen zurückziehen – mit drei Mähern auf die von ihm gepachteten Flächen, schaltete die Scheinwerfer an, drehte das Radio laut und gab kräftig Gas: Mit etwa 15 Stundenkilometern wurden Kitze, Hasen, Gelege und alles andere, was auf der Wiese lag tot gemäht. Am nächsten Morgen zeigten die Krähen den Jägern, wo es wen erwischt hat. Kadaver-Frühstück im frischgemähten Gras…

Apropos „Kadaver“: Dass es „Botulismus“, also die Vergiftung Eurer Kühe durch in die Silage geratene Bakterien-Toxine, gibt, wisst Ihr natürlich auch alle. Erlebt aber haben es die wenigsten von Euch, dass morgens plötzlich sieben, acht oder mehr tote Kühe im Stall liegen. Schon allein das wäre für mich als Landwirt ein Grund, die Wiesen abzulaufen ….

Um hier jeden falschen Zungenschlag zu vermeiden: Wer auf dem Land lebt, lebt auch mit der Landwirtschaft. Manch einer weiß mehr darüber als der andere, allen aber ist auch klar, dass es ein wichtiger, mitunter nicht immer leichter und oft von quälender Routine bestimmter Job ist. „Bauern-Bashing“ ist was für Stimmungsmacher, und zu denen zählen die Jäger in der Regel nicht. Aber Hand aufs Herz: Was für Worte fallen einem zu diesem Montag ein? „Rücksichtslosigkeit“? „Verantwortungslosigkeit“? „Kaltherzigkeit“?

Dass Ihr Eure Kühe mögt, das will ich glauben. Aber Tierschutz endet nicht an der Stallgasse. In Artikel 14, Absatz 2 des Grundgesetzes steht: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Na ja, ich will einräumen, dass das ziemlich theoretisch klingt und sicherlich nicht immer so einfach ist. Ihr lebt vom Ertrag Eures Landes, das sollte jeder akzeptieren, auch wenn ihm Eure Methoden und Techniken nicht immer einleuchten.

Aber wisst Ihr denn nicht, dass Ihr – wie wir alle – auch dem Tierschutzgesetz unterliegt? Und darin steht gleich im ersten Absatz: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Na ja, „der Mäher ist ja schnell, viel spürt so ein Kitz nicht mehr“, könnte man jetzt witzeln. Machen sicherlich auch einige, lustig aber ist das nicht.

Und natürlich könnte man im Gesetz jetzt noch weiter gehen, und käme dann auch zum Paragraf 17, in dem steht: „Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer 1. ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet …“

Aber das wisst Ihr ja alles. Nur schert es Euch offenbar nicht. Warum eigentlich nicht? Weil Ihr Euch darauf verlasst, dass die dörfliche Gemeinschaft Euch schützt und Euch niemand anzeigt? So eine Anzeige ist übrigens nicht lustig und für Polizei und Staatsanwaltschaft schon lange keine Bagatelle mehr. Ermittelt wird wegen Tierquälerei, und „nein!“, dafür geht man in der Regel zwar nicht, wie im Gesetz geschrieben, in den Knast. Aber es drohen ziemlich happige Geldstrafen.

Aber muss man tatsächlich erst zu solchen Mitteln greifen? Gehört auf einen groben Klotz tatsächlich immer auch ein grober Keil? Man muss gar nicht groß über Ethik und Moral quatschen, kann Kant und all die anderen Philosophen im Bücherregal stehen lassen. Es reicht vollkommen, wenn man versucht, ein anständiger Mensch zu sein. Denn es ist eben nicht alles nur eine „Sache zwischen Daumen und Zeigefinger“, auch wenn „Bauer B. aus O.“ das vielleicht so sieht!

Ach ja, und bevor ich es vergesse: Die Lehrer der Grundschule Brande-Hörnerkirchen hatten Anfang des Jahres bei den Jägern nachgefragt, ob sie nicht bei der Kitz-Rettung mitmachen könnten. Wir fanden das super und hätten sie auch gerne alle mitgenommen.
Was sagen wir denen denn jetzt? „Tut uns leid, Kitze gibt’s nicht mehr, haben die Bauern alle zerschreddert!“? Denkt mal drüber nach ….

 

1 Philip Alsen – Journalist, Autor – Züchter ‚VIZSLA VOM HOLSTEINER BROOK‘

 

 


 

 

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